Lenzburg: Vorverurteilung einer Spielgruppenleiterin

Thun, 15. November 2019

Medienmitteilung

Ungerechtfertigte Treibjagd gegen Spielgruppenleiterin – Vorbote zunehmender Vorverurteilungen?

Der Fall illustriert exemplarisch, welch unreflektierte und ethisch höchst fragwürdige Mechanismen die öffentliche Auseinandersetzung hierzulande mittlerweile prägen. Nachdem eine Lokalzeitung Ende Oktober 2019 berichtete, die Leiterin einer Spielgruppe in Lenzburg habe Kindern eines schwulen Paars die Aufnahme aus «homophoben Motiven» verweigert, entfachte sich ein regelrechter medialer Flächenbrand. Als sich die betreffende Spielgruppenleiterin erstmals selber äussern konnte, bestritt sie die offensichtlich unstimmigen Vorwürfe und lässt die Treibjagd in einem ganz schlechten Licht erscheinen.

Befeuert von LGBT-Verbänden wie Pink Cross, welche den Vorfall zur Abstimmungs-Werbung für die Annahme des Zensurgesetzes politisch missbrauchten, wurde die Story des angeblich homophoben Vorfalls von unzähligen Medien weiterverbreitet. Die Konsequenzen für die betroffene Frau waren einschneidend: Sie erhielt Drohmails, negative Bewertungen – sie wurde regelrecht «medial hingerichtet». In persönlichen Gesprächen mit Eltern konnte sie die Wogen zwar grossenteils wieder glätten – die öffentliche Vorverurteilung war aber nicht mehr zu stoppen.

Ablehnungsgründe waren «praktischer Natur»

Nun, da sich die Frau in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» erstmals zu Wort meldet, kann sie glaubhaft erläutern, dass die Geschichte ganz anders verlaufen ist als sie vorschnell in die Welt gesetzt worden ist. Sie habe die Zwillinge nämlich nicht wegen der homosexuellen Familienkonstellation abgelehnt. Vielmehr habe das Problem darin bestanden, dass ihre Spielgruppe schon voll gewesen sei, als die Väter die beiden Kinder hätten anmelden wollen. Obwohl sie versucht habe, die Kinder trotzdem wenigstens einen halben Tag pro Woche aufzunehmen, sei der ausschlaggebende Punkt für die Ablehnung schliesslich gewesen, dass sich im Nachhinein herausstellte, dass die Kinder gar kein Deutsch sprächen.

Unsaubere politische Instrumentalisierung

Als absolut unsauber und nicht fair erachtet es das Abstimmungskomitee «Nein zu diesem Zensurgesetz!», dass dieser Vorfall von Pink Cross für Abstimmungspropaganda missbraucht wird. Die Gay-Vereinigung führte den «Fall Lenzburg» auf als Beispiel, das bei einer Annahme der erweiterten Rassismus-Strafnorm strafbar wäre («Leistungsverweigerung»). Dabei zeigte allein die grosse Solidarität, welche das schwule Paar von Lenzburg erfahren durfte, dass die Ausdehnung der Strafnorm absolut überflüssig ist. Die Gesellschaft dient als genug starkes Korrektiv gegen LGBT-Benachteiligung. Kontraproduktiv ist dagegen, dass mit dem «Homophobie-Etikett» offensichtlich zu vorschnell um sich geworfen wird.

Belastendes Strafverfahren

Der Fall Lenzburg zeigt vielmehr auf, welch fatale Auswirkungen die Annahme des Zensurgesetzes hätte. Da Verstösse gegen die Rassismus-Strafnorm Offizialdelikte sind, hätten die Behörden ein Strafverfahren gegen die Spielgruppenleiterin einleiten müssen, sobald sie von diesem vermeintlich homophoben Fall erfahren hätten. Zusätzlich zur öffentlichen Vorverurteilung hätte sich die Frau mit strafrechtlichen Ermittlungen auseinandersetzen müssen, welches ihre gesellschaftliche Ausgrenzung noch mehr befeuert hätte. Auch wenn sich nun relativ früh herauszustellen scheint, dass der Spielgruppenleiterin keinerlei diskriminierenden Motive angehängt werden können – bis ein die persönliche Psyche und den Leumund belastendes Strafverfahren eingestellt wird, dauert es ein x-faches länger.

Abgesehen von der nicht haltbaren Vorverurteilung, welche der erwähnten Spielgruppenleiterin widerfahren ist, vertreten wir die Ansicht, dass es grundsätzlich das Wesen der Gewissens- und Gewerbefreiheit ausmacht, selber zu entscheiden, wem man in der Privatwirtschaft welche Dienstleistungen anbietet. Würde eine Spielgruppe tatsächlich Kinder homosexueller Partner aus Gewissensgründen ablehnen, gibt es offenbar beträchtlichen gesellschaftlichen Widerstand dagegen, wie die Reaktionen auf den Fall Lenzburg gezeigt haben. Die Spielgruppe würde vermutlich viele Kinder verlieren, die von enttäuschten heterosexuellen Eltern abgezogen würden. Die Gesellschaft würde als genügend starkes Korrektiv wirken.

Hoffen auf richtigstellende Berichterstattung

Wir hoffen, dass die Medien über die Sicht der zu Unrecht diffamierten Spielgruppenleiterin ebenso ausführlich berichten, wie sie es in teils vorverurteilender Manier nach den ersten Meldungen getan haben. Bedenklich finden wir zudem, dass LGBT-Verbände auch in anderen Zusammenhängen gewalttätige Angriffe und Gewaltaufrufe gegenüber Homo- und Bisexuellen mit der Volksabstimmung vom 9. Februar 2020 in Verbindung zu bringen versuchen. Das ist unkorrekt, unlauter und irreführend, da diese Tatbestände längst strafbar sind. Konzentrieren wir uns lieber darauf, echte Ausgrenzung aller Minderheiten zu bekämpfen als Einzelereignisse zu instrumentalisieren.

Abstimmungskomitee «Nein zu diesem Zensurgesetz!»

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